Theaterübersetzen – Workshop des Deutschen Übersetzerfonds
Die Vermittlung fremdsprachiger Literatur im Deutschen lebt von der Arbeit der Übersetzer. Übersetzungen erweitern nicht nur unseren Horizont und unser Verständnis für fremde Kulturen, sie bereichern auch unsere Sprache und das literarische Leben. Je höher die Übersetzungskultur, desto reicher und lebendiger bleibt das Deutsche. Quelle
Hehre Worte einer Institution, die hervorragende Arbeit leistet, beim fleißigen Leser ursprünglich englischsprachiger Prosa und Lyrik aber vermutlich kaum bekannt ist: Der Deutsche Übersetzerfonds. Im Literarischen Colloquium Berlin beheimatet, malerisch am Wannsee gelegen, bietet er für sprachlich Kreative einen wichtigen Anlaufpunkt nicht nur in der Berliner Kulturszene, sondern auch im bundesweiten Umfeld. Hier werden über das Jahr verteilt mehrere Workshops und Seminare abgehalten, in denen sich Übersetzerinnen und Übersetzer austauschen, weiterbilden und gemeinsame Erfahrungen aus den verschiedensten Sprachrichtungen miteinander teilen können.
Ich hatte das große Glück bei einem Workshop dabei zu sein, der mir als Übersetzer gänzliches Neuland versprach – Theaterübersetzen. Bis heute habe ich aus diesem Bereich der deutschen Sprache noch keinen Auftrag zu verzeichnen, aber mein Interesse war durch die Ausschreibung geweckt. Da ich der festen Überzeugung bin, daß gerade bei sprachlich-kreativer Arbeit wie dem Übersetzen das gemeinschaftliche Erlebnis bei einem solchen Workshop mehr wert ist als die Lektüre unzähliger Fachbücher, erhoffte ich mir einen echten Mehrwert durch Querdenken.
Die Seminarleiter Frank Heibert und Nathalie Mälzer-Semlinger suchten dann auch bereits vorab den Kontakt zu den Kolleginnen und Kollegen mit einer praktischen Übung, die für Kurzweil sorgte und im Verlauf des Wochenendes vom 9.-11. Oktober 2009 optimale Verwendung fand. Nach einigem Grundlagenwissen zu Sprechaktheorie, den Unterschieden zwischen Theater- und Prosadialogen und der (sicherlich nie endenden) Diskussion um den Realismusbegriff im Theater ging es ans Eingemachte.
Heibert und Mälzer-Semlinger ließen es sich nicht nehmen, Gäste zum Seminar zu laden, die ihre ganz persönliche und vor allem beruflich gefärbte Sichtweise der Dinge präsentierten. Rede und Antwort standen Anja Schneider aus dem aktuellen Ensembe des Maxim-Gorki-Theaters Berlin, Claudia Hamm (Regisseurin, Dramaturgin, Übersetzerin) und Lektor Bastian Häfner vom Theaterverlag Pegasus. Alle drei brachten interessante, oftmals überraschende Informationen zu Tage, die der Übersetzer an sich in seinem kleinen Kämmerlein wohl nicht immer bedenkt: Ist die Sprache offen genug gehalten, um der Schauspielerin Freiraum zur Interpretation zu geben? Kann der Dramaturg den Text guten Gewissens empfehlen oder muß noch poliert, angepaßt, gestrichen oder verändert werden? Was macht einen guten Theatertext aus – und vor allem: Wie kann der Übersetzer Einfluß nehmen, ohne seinem Auftrag als “Übertragender” bestehenden Materials ungerecht zu werden?
Ein Beispiel: Anja Schneider erhielt drei Versionen der eben erwähnten “Übung”, bei dem es sich um den Prosatext eines maßgeblichen, deutschsprachigen Autoren handelte, der von den Kursteilnehmern zum Theatertext umgestaltet wurde . Mit dem geübten Blick der erfahrenen Schauspielerin widmete sie sich den Varianten und erarbeitete aus den Unterschieden Gründe, welche sprachlichen Änderungen zu ‘Irritationen’ führten, die sie herausforderten. Jedes noch so kleine Detail wurde minutiös unter die prüfende Lupe szenischer Notwendigkeit gehalten – und am Ende unterhaltsam aufgelöst, als herauskam, daß es sich bei zweien der Versionen um Teilnehmerbeiträge handelten, der dritte aber die vom Autoren selbst vorgenommene Theaterumsetzung des Prosatextes war, was außer den Seminarleitern vorher niemand wußte.
Am Samstag Abend wurde der Besuch eines Theaterstücks angesetzt, der den Praxisbezug des Seminars noch weiter erhöhte – neu erlerntes Wissen konnte somit “angewandt” und am folgenden Sonntag lebendig diskutiert werden. Mark Ravenhills “Das Produkt” im Studio der Schaubühne bot dann auch genügend Reibungsfläche, um sich köstlich dem provokanten Gespräch hinzugeben.
Alles in allem ein äußerst gelungenes Seminar, das mit hervorragender Konzeption und Durchführung glänzte, Gäste bot, die informativ und spannend in die atemberaubende Welt der Bühne einführten und sie schillernd dokumentierten, und eine sprachlich gemischte Kolleginnen- und Kollegenrunde, die dem ‘I’ sein Tüpfelchen aufsetzte.
An dieser Stelle an großes Dankeschön an alle Beteiligten und natürlich dem Deutschen Übersetzerfonds für die freundliche Unterstützung solch wunderbarer Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen, die für das kulturelle Geschehen in unserem Land so wichtig sind. Eine umfassende Aufarbeitung des Seminars ist auch für eine kommende Ausgabe des Übersetzen angekündigt, der Zeitschrift des Verbands deutschsprachiger Übersetzer literarischer und wissenschaftlicher Werke e.V. (VdÜ), dessen Mitglied ich natürlich bin. Ich freue mich schon darauf – wenn ich auch Angst vor dem obligatorischen Gruppenfoto habe, das zu jedem Seminar dazugehört. Die windumtosten Wellen des wilden Wannsees mögen alliterativ von Nutzen sein, aber für die Frisur war das luftige Wochenendwetter tödlich.




