Mit großem Bedauern habe ich vom Tod Dr. Walter Scherfs erfahren. Neunzig Jahre ist er geworden, der bekannte Kinder- und Jugendliteratur- sowie Märchenforscher, der sich in der Bündischen Jugend einen unvergeßlichen Platz nicht nur aufgrund seiner eindrucksvollen Lieder verdient hat, sondern weil er mit ganzem Herzen Mensch war. Ich hatte vor über fünf Jahren die große Ehre ein Gespräch mit ihm zu führen, daß ich in Erinnerung an Walter Scherf unverändert und unkorrigiert publiziere. Der Hinweis sei noch erlaubt, daß mein persönlicher Bezug natürlich Scherfs bezaubernde Erstübersetzung des Hobbit von J.R.R. Tolkien ist – und die Tatsache, daß ich früher selbst Pfadfinder war. Dr. Walter Scherf verstarb am 25. Oktober 2010.
Ein Besuch bei Walter Scherf
Als ich im Haus Lindschmitdstraße 25 klingele, wird mir schnell aufgemacht. In der Tür steht Walter Scherf, Übersetzer des „Kleinen Hobbits“ und seine Frau gleich mit dabei. Ich werde freundlich hereingebeten, Scherf wirkt gutgelaunt und erfreut ob des erwarteten Besuchs. Vor knapp zwei Wochen ist er fünfundachtzig geworden, er gehört also zu denjenigen Forschern, die ihre Festschrift noch erleben und selbst entgegennehmen können. Zwar erinnert er sich nicht sofort daran, wer ihm diese Festschrift organisiert hat, aber als seine Frau meint: „Das waren doch die Helge Gerndt und die Kristin“, da blitzt ein schelmenhaftes Lächeln auf: „Ach ja, Kristin, natürlich. Wie schön.“
An einem runden gemütlichen Tisch nehmen wir alle Platz, Walter Scherf holt vier verschiedene Ausgaben des Kleinen Hobbit, von der Erstausgabe mit den Illustrationen Horus Engels bis hin zur dtv-Neuauflage mit Tolkiens eigener Zeichnung von Hobbingen. Sein Märchenlexikon findet im Laufe des Gesprächs auch den Weg auf den Tisch, eine russische, wundervoll illustrierte Märchensammlung auch – bald ist der Tisch nicht nur von Wassergläsern bedeckt, sondern von einer ganzen Sammlung europäischer Traditionen.
Es ist eine Spurensuche, und die beginnt sehr spät. Eine der vielen Fragen ist, warum der Hobbit erst so spät in Deutschland übersetzt wurde, die Scherf sogleich zu beantworten beginnt. Es war kurz nach Krieg in der „Großen Jurte“ der Deutschen Jungenschaft des 1.11. im Wartgau, wo Horus Engels an einem Abend aus einem englischen Buch freihändig übersetzte und eine Geschichte erzählte – The Hobbit. Es wurde spät in der Nacht, das Lagerfeuer brannte und Scherf weiß nicht mehr genau, wann und aus welchem Anlaß sich Horus Engels an ihn wandte, aber die sonore, faszierende Stimme Engels sagte auf einmal: „Du bist mir der Rechte, Walter. Den Hobbit, den mußt Du übersetzen.“ Scherf wehrte sich, meinte sein Französisch sei wohl wesentlich besser als das Englische, aber Engels ließ sich nicht beirren. Scherf setzt dieses Ereignis 1947 an, aber seine Frau meinte, dies müßte um einiges später geschehen sein, zu Anfang, wenn nicht gar erst Mitte der Fünfziger (Scherf übersetzte den Hobbit 1956.)
Es war entschieden, und es war beschlossene Sache. Auf die Einwände Scherfs, daß dies doch wohl nicht einfach sei -man bedenke die schlichte Tatsache, daß die Briten wohl kaum begeistert von den Deutschen seien-, meinte Engels nur, die Einwände beiseite fegend, das ließe sich schon regeln. Und tatsächlich fuhr Scherf recht bald nach Großbritannien, in den Westen Englands, wo er sich mit dem Verleger Allen traf (von Allen & Unwyn, dem Verleger Tolkiens bis in die 1980er), den er schnell überzeugte, und der ihn an Sir Stanley Unwyn verwies, um alles weitere zu klären. Der erste Kontakt schien der wichtigste zu sein, denn er ebnete den Weg zu einer deutschen Übersetzung des Hobbit. Dies schreibt Scherf nicht zuletzt der Tatsache zu, daß er Katholik sei – und Allen war dies auch. Es war eine spontane Sympathie und diese wiederholte sich bei Sir Stanley, der Scherf sogar mit in den Club of London nahm (eine außergewöhnliche Ehre, nur Männern vorbehalten, wer mitgebracht wird, ist sofort Mitglied.) Scherf sollte später dann sogar Tolkien selbst treffen und auch hier scheint der religiöse Hintergrund ein gemeinschaftliches Verständnis gefördert zu haben, die der Übersetzung half.
Hinzu kam Scherfs persönlicher Hintergrund, der ihn als Mitglied einer Bündischen Jugend als politisch einwandfreien Deutschen auswies, keinen Mitläufer, der die NSDAP mit an die Macht brachte. Seine Jugend wurde aufgrund ihrer unabhängigen Haltung und des Widerstands gegen das Gleichschaltungsgesetz dann auch verboten. Seine bündische Zugehörigkeit hatte ihm auch im Krieg bzw. an dessen Ende geholfen: als er nach der Kapitulation in den Westen Deutschlands flüchtete, verkleidete er sich in der Kluft der Deutschen Pfadfinderschaft St. Georg und wurde auf seiner Flucht von einem amerikanischen Soldaten entdeckt und festgenommen. Als dieser allerdings das Pfadfinderhemd Scherfs sah, legte er seine Maschinenpistole nieder, nahm ihn in den Arm, begrüßte ihn mit dem Handschlag der Pfadfinder und meinte „I’m a scout, too.“ Nach einem kurzen Gespräch und einem „Don’t do it again, Walter!“ durfte Scherf weiterfliehen.
Da ich selbst jahrelang Mitglied der Pfadfinderschaft St. Georg war (DPSG) und Scherf dies natürlich erzählte, kam erneut das verschmitzte Lächeln des alten und lebenserfahrenen Mannes hervor: „Dann sind wir ja Bundesbrüder.“ Er reichte mir seine linke Hand, den kleinen Finger in der üblichen Weise abgespreizt und meinte nur: „Na, dann werden wir uns von jetzt ab wohl duzen. Ich bin Walter.“ Die ohnehin freundliche Atmosphäre des Gesprächs wurde nach diesem Ritual, das gerade in der älteren Generation Deutschlands noch von hoher Bedeutung ist, noch netter und der gesamte Rest des Gesprächs war eine bezaubernde Mischung aus Anekdoten und Diskussionen rund um die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Struktur und Tradition der Märchen, wie die literarischen Gesellschaften in Deutschland in Zukunft zusammenarbeiten sollten und die Ergebnisse der Forschung Scherfs.
Auf die Frage, warum der Hobbit erst so spät übersetzt wurde, konnte Scherf auch keine abschließende Antwort erteilen, aber die detektivische Arbeit hat zumindest einige Impulse erhalten. Es war nicht nur ein Verlag, der Tolkien um die Rechte nach dem Hobbit gebeten hatte, sondern laut Aussage Scherfs mehrere. Was dies für die Bedeutung des Briefs Nr. 107 verändert, ist offensichtlich. Er meinte auch, daß ihm die Übersetzung des Herr der Ringe angeboten wurde, er aber diese ablehnte, weil sie einen Prinzipien zuwiederliefe.
Scherfs besondere Verdienste liegen sicherlich in der europäischen Märchenforschung, was das von ihm erstellte Märchenlexikon beeindruckend belegt. Für ihn ist die Tradition des Erzählens eine ganz besondere kulturelle Betätigung des Menschens, die in ihrer weltweiten Struktur einem auf folgende Dychothomien reduzierbare Konfliktpotential gleicht: Mutter-Sohn, Mutter-Tochter, Vater-Sohn, Vater-Tochter und im geringeren Maße das Gegenstück Bruder-Schwester, was aber nur ein Nebenschauplatz ist. Man merkt ihm an, da kommt der Dozent durch, der seine Vorlesung beginnt und seinen Studierenden im schnellen Überblick das Wichtigste vermitteln möchte. Aus dem gutgelaunten Gesicht blitzt hier kurz der nachdenkliche und gewissenhafte Forscher auf, der sich vielen Debatten rund um die Märchenforschung gestellt hat.
Der Herr der Ringe verläßt die Ebene des primären Erzählens, die der Hobbit noch so natürlich erreicht. Das Kinderbuch Tolkiens ist leichter erzähl- und vorlesbar, als es der Herr der Ringe ist, eine offensichtliche Beobachtung, die aber sicherlich in der schriftstellerischen Technik der Inhaltsvermittlung, der Charakterdarstellung und der beschriebenen Topoi zu finden ist. Scherf sah Tolkien hier in einem ganz anderen, klassisch-epischen Stil, der der von Tolkien so überzeugend vorgestellten Märchentheorie in On fairy-stories zuwiderläuft. So sehr dies natürlich Gegenstand einer lebhaften Diskussion sein könnte, so unterschiedlich sind dann auch Herr der Ringe und der Hobbit, daß Scherfs Argumentation aus seiner Perspektive logisch und konsequent erscheint. Der Titel Der kleine Hobbit und der große Zauberer erhält in einer biographischen Herangehensweise an seine Übersetzung eine ganz andere Sichtweise, denn der Titel ähnelt sicherlich mehr dem traditionell überlieferten Märchenstil, als es Der Hobbit zu zeigen vermag.

dtv-Ausgabe des "Kleinen Hobbit" - Signiert von Walter Scherf
Die Erstausgabe, liebevoll von Horus Engels illustriert, ist dann auch eine weitere, kleine Anekdote wert, denn auf dem Titelbild sieht man Gandalf den Grauen und Bilbo, und obwohl die Darstellung des Zauberers nicht vom üblichen hohen, spitzen Hut und langen Bart abweicht, so fällt doch eine Kleinigkeit sofort im wahrsten Sinne des Wortes ins Auge: Gandalf hat überdimensioniert buschige Augenbrauen – und wenn es einen Mann mit kräftigen, weit hervorstehenden, für ihn charakteristischen Augenbrauen gibt, dann ist es Walter Scherf. Frau Lehmann-Scherf lächelt, zeigt auf den Zauberer und stellt mir diese Frage, die Scherf mit einem leicht verlegenen Lächeln und einem anschließenden, lauten Lachen quittiert. Engels war es, der ihn zur Übersetzung zwang – und ihn dann auf dem Buch selbst verewigte.
Flyer der EMG und ein weiteres, kleines Heftchen mit Artikeln Scherfs wechseln den Besitzer und ich lasse mir meine dtv-Ausgabe des Hobbit von ihm signieren. Scherf scheint zuerst ein wenig peinlich berührt ob seiner Aufgabe, aber schon bald geht er mit einem „Da muß ich mir jetzt aber was überlegen“ in das Zimmer nebenan, um einige Minuten später mit einem kurzen Gedicht und einer Widmung wiederzukehren. Ein Händedrücken, „Gute Reise“ Wünsche und ein „Das war ein wirklich schönes Gespräch“ – und nach einer guten Stunde bin ich bereits wieder unterwegs, aber sicherlich um einige wunderbare Erinnerungen reicher. Ein großer Erzähler und einer, der sich auch wissenschaftlich dieser zu unrecht vernachlässigten Kunst genähert hat, hat mir eine gute Stunde einen Einblick in ein erlebnisreiches, faszinierendes Leben gegeben. Walter Scherf ist eine charismatische Persönlichkeit, und selbst mit 85 vermag er noch das zu erreichen, was andere Menschen nie in ihrem Leben schaffen: echten Charme, hohen Intellekt und die Fähigkeit, dem Gesprächspartner das Gefühl zu vermitteln, das es mehr gibt, als Bilder, Bücher und Filme zu vermitteln vermögen – es gibt auch noch das Erzählen.