Ich bin in mancher Hinsicht ein naiver und blauäugiger Mensch, auch wenn ich bereits negative Erfahrungen in meinem Leben gemacht habe. Ich glaube an das Gute im Menschen, trotz überzahlreicher Gegenbeweise. Heute ergab sich wieder eine solche Gelegenheit – diesmal aber der anderen Art.
Ich möchte die Deutsche Bahn AG ja eigentlich nicht jedes Mal bashen, wenn ich mit ihr fahre, aber die heutige Rückfahrt von Leipzig nach Berlin gestaltete sich abenteuerlich.
In Leipzig Hbf wurde gebaut, also alles über Schienenersatzverkehr. Mit der Tram nach Leipzig Messe, dann mit dem RE nach Dessau, umsteigen in die nächste RE nach Wiesenburg (Mark), mit einem abgefuckten, alten Bus nach Belzig und von dort dann nach Berlin Hbf. Mit der Option, daß man, wenn man auch nur EINEN Anschluß verpaßt, in der Pampa endet. Verendet, um genauer zu sein, vor allem, wenn Touristen ohne Deutschkenntnisse verzweifelt in die Hauptstadt kommen wollen.
Langer Rede kurzer Sinn: In Dessau habe ich einen längeren Aufenthalt, und da ich noch nie hier gewesen bin, entscheide ich mich kurz auf den Bahnhofsvorplatz zu gehen, um mir das Bahnhofsgebäude anzuschauen. Mache ich gerne, denn oft verstecken sich gerade an kleineren Orten wahre architektonische Schmuckstücke.
Dessau gehört nicht dazu. Wer in den Gang hinab- und wieder hinaufsteigt, der nach draußen führt (natürlich in Schwimmbadoptik), erkennt auf den ersten Blick, daß Dessau den Aufenthalt nicht wert ist. Ein kurzer Blick in die Statistiken zeigt auch: Seit dem Mauerfall hat die Stadt ein Viertel ihrer Einwohner verloren, 1999 hatte sie mit 23% Arbeitslosigkeit einen traurigen Rekord aufgestellt (mittlerweile ist die Zahl um die 12%, aber vermutlich nur aufgrund einer Verwaltungsreform und weil viele arbeitsfähige Bewohner weggezogen sind.)
Als ich nach draußen gehe, fällt mir sofort ein Mann auf, der einer typischen Variante dessen entspricht, was im schnieken Neudeutsch als Prekariat bezeichnet wird: sonnebankgebräunt, Blingbling um den Hals, gegelte Haare, entsprechende Klamotten, Sternburgpulle in der Hand (für die Süddeutschen: Öttinger.) Der Blick auf den Bahnhofsvorplatz fällt kurz aus, ich drehe mich um, um wieder in den Bahnhof und zum nächsten Zug zu gehen. Der Mann winkt mir zu, und mein erster Gedanke ist: Du hast deinen Laptop offen in der Hand, weil du gerade mal Mails checken wolltest. Du trägst ihn in einer Stadt herum, die du nicht kennst.
Er kommt auf mich zu und fragt: “Bist du aus Dessau?” Ich antworte: “Ne. Wat gibbet denn?” Er sagt: “Det da” (zeigt auf den Laptop), “den solltest mal lieber unter die Jacke tun, verstehste? Et gibt hier Leute, die sowas gerne mal mitnehmen.” Ich danke ihm überrascht, packe den Laptop unter die Jacke und flüchte mich in den Zug, wo ich sehnlichst darauf warte, diesen wundervollen Ort zu verlassen.
Ich bin mir nicht ganz sicher, was schlimmer ist: Daß es Leute gibt, die so etwas wirklich tun würden (und mir wurde schon ein Computer geklaut, allerdings am Bonner Hauptbahnhof – auch Städte mit Geld haben Diebe
), oder daß ich so schlecht von jemandem denken konnte, der mir gegenüber freundlich und rücksichtsvoll war, und das nur, weil er nicht meiner Vorstellung eines “normalen” und “vernünftigen” Menschen entsprochen hat.
Schon Gottfried Keller schrieb Kleider machen Leute. Das ist nun mal so, und das läßt sich vermutlich auch so bald nicht ändern. Aber manchmal – nur manchmal – sollte man den Mut aufbringen, tolerant und offen in eine Begegnung zu gehen, ohne in alte Denkmuster zu verfallen.
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