Die großen Drachen und Lindwürmer der Welt
Da Drachen und Lindwürmer auf allen Kontinenten dieser Welt vorkommen und eine vollständige Enzyklopädie hunderte von Seiten umfassen müßte, beschränken wir uns auf einige ausgewählte Kreaturen, die ohne besondere Ordnung aufgelistet sind. Die Betonung liegt im wesentlichen auf dem europäischen Raum und sie umfasst etliche Wesen, die nicht allesamt als “klassische” Drachen bezeichnet werden können, deren Monstrosität und Ähnlichkeiten mit dem typischen Drachen eine solche Einordnung aber zulassen.
Marduk und Tiamat
Im babylonischen Schöpfungsmythos lebten zu Beginn Tiamat und Apsu glücklich zusammen und gebaren die Götter, die aber bald nicht mehr mit ihren Eltern zufrieden waren und einer von ihnen tötete ihren Vater, Apsu. Tiamat war erzürnt über die Unverfrorenheit ihrer Kindeskinder und entschloss sich sie zu vernichten. Sie gebar Monstren, mit deren Hilfe sie jeden Widerstand brechen wollte und sie selbst war ein furchterregender, mächtiger Drache – bis Marduk erschien, der sie und ihre Brut tötete und aus ihren beiden Körperhälften Himmel und Erde schuf.
Bildnachweis: Commons.Wikipedia.org. Lizenz: Public Domain.
Herakles und die Hydra
Herakles hatte von Natur aus ein jähzorniges Gemüt und dies war schon in jungen Jahren zu beobachten, als er seinen Musiklehrer Linos mit der Leier erschlug. Sein Leben lang scheint er mit Heldentaten ersetzen zu wollen, was er im Jähzorn oder Wahnsinn anrichtete. Als Eurystheus den mutigen Helden in seine Dienste aufnehmen wollte, weigerte er sich und Hera versetzte ihn in Raserei. Er tötete seine Frau Megara und ihre drei Kinder. Das Orakel in Delphi verriet ihm, wie er diese Schuld sühnen könne: indem er die von König Eurystheus von Argos gestellten Aufgaben löste (“Dodekathlos”) und ihm zwölf Jahre diente. Eine davon war der Kampf gegen die Hydra. Das neunköpfige Seeungeheuer, eine riesige Wasserschlange, hatte acht sterbliche Köpfe, die immer nachwuchsen und einen sterblichen Kopf. Herakles konnte nach hartem Kampf das schreckliche Monstrum töten.
Bildnachweis: Original image description from the Deutsche Fotothek: Deutsch: Relief “Herkules im Kampf mit der Hydra”. Sandstein. (1847/1854; E. Rietschel). Dresden: Sempergalerie, Fassade nach dem Theaterplatz. Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Germany license. Attribution: Deutsche Fotothek.
Apoll und Python
Der Drache Python, Sohn der Erdgöttin Gaia, bewachte ursprünglich das Orakel von Delphi, aber Apoll hatte es sich in den Kopf gesetzt, die Kunst der Prophezeiung nicht nur zu erlernen, sondern auch die darin liegende Macht für sich zu gewinnen – und damit das Orakel. Mit Hilfe seiner Mutter Leto, konnte Apoll den Drachen bezwingen, der heute hauptsächlich deswegen bekannt ist, weil eine Riesenschlange seinen Namen erhalten hat.
Zeus und Typhon
Auch Typhon war ein Sohn der Gaia und wurde von ihr gezeugt, nachdem Zeus ihre Kinder, die Titanen, vernichtet hatte. Sein riesiger Körper verfügte über hundert Drachen- und Schlangenköpfe und seine Macht war so groß, daß bei seinem ersten Angriff die Götter aus dem Olymp flohen und sich als Tiere in Ägypten versteckten. Zeus stellte sich ihm nach erstem Zögern zum Kampf und je nach Überlieferung lieferten sich beide mehrfach Auseinandersetzungen, bei dem mal der eine, mal der andere die Oberhand behielt. Am Ende konnte aber Zeus gewinnen und begrub das Monstrum unter dem Ätna.
Leviathan
In der Bibel gibt es ein Monster, das am ehesten der Beschreibung eines Drachen ähnelt. Es verspeit unter anderem Feuer und hat ein Schuppenkleid, aber da es oft als walfischähnliche Kreatur gezeichnet wurde, ist dies nicht sonderlich überraschend: Leviatan. Gott schuf Leviatan als See-, Behemoth als Landungeheuer und den Vogel Ziz. Am Ende aller Zeiten, Armageddon, wird es einen letzten Kampf dieser Monster geben und Gott wird sie vernichten und ihr Fleisch an die Rechtschaffenen verteilen – so eine christliche Interpretation, die mit der jüdischen aber nicht ganz konform geht.
Siegfried (Sigurd) und Fafnir
Dieser Riese in Drachengestalt entstammt der nordischen Mythologie und ist im deutschen Sprachraum hauptsächlich in der Adaption von Richard Wagner bekannt – dem Opernzyklus “Der Ring des Nibelungen”. Die Erzählung über das Schicksal Sigurds und seiner Taten ist in der Älteren oder Lieder-Edda nachzulesen, in der die drei Götter Odin, Loki und Hönir aus Versehen den Sohn des Hreidmar, Otur, töteten und ihr Wergeld ist der Schatz des Zwergs Andvari (Alberich im mittelhochdeutschen Nibelungenlied), der seinem unrechtmäßigen Besitzer nur Unglück bringt.
Hreidmar ist von Gier geblendet und verweigert seinen Söhnen Fafnir und Regin den Anteil am Wergeld, woraufhin Fafnir ihn umbringt. Als Regin wiederum von ihm seinen Anteil verlangt, droht Fafnir ihm und sein Bruder flüchtet. Fafnir legt sich auf den Schatz und verwandelt sich mit der Zeit in einen Drachen. Sigurd erschlägt Fafnir und den zurückgekehrten Regin. Er mag vielleicht das Gold und viel mehr besitzen, aber der Fluch des Andvari wird ihn später ereilen.
Thor und Jormungand (Midgardschlange)
Die Midgardschlange umspannt die gesamte Welt und ist eine riesige Seeschlange, die vom Gott Loki gezeugt wurde. In der nordischen Mythologie trifft Thor zweimal auf dieses Monstrum: beim ersten Mal bekommt er sie an seine Angel, kann sie aber nicht vernichtend schlagen. Beim zweiten Mal kann er sie mit seinem Hammer Mjölnir erschlagen, erliegt aber selbst während des Ragnaröks, der allerletzten Schlacht, ihrem Gifthauch. Der “Erdumgürter” ist so groß, daß sich seine Bewegungen in riesigen Überflutungen und Stürmen auf der Welt zeigt.
Bildnachweis: Johann Heinrich Füssli. Der Kampf des Thor mit der Schlange des Midgard. Quelle: The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei. DVD-ROM, 2002. Lizenz: GNU Free Documentation License.
Beowulf
Das großartige, mehrere tausend Zeilen lange, auf angelsächsisch geschriebene Epos um den Helden Beowulf und seinen Kampf gegen das Monster Grendel, dessen Mutter und einen Drachen ist in den letzten Jahren beliebt geworden, in Filmen und ja, auch einem Brettspiel. Beowulf gehört dem Volk der Gauten an und reist mit vierzehn Gefährten an den Hof des dänischen Königs Hrothgar, in dessen Halle Heorot das Monster Grendel hauste und seit langer Zeit zahlreiche Opfer forderte. Beowulf kann Grendel töten und muß sich kurz danach seiner Mutter stellen, die ihr Kind rächen will. Auch diese kann Beowulf vernichten und wird nach seiner heldenhaften Rückkehr in sein Land zum König erwählt. Etliche Jahre später bedroht ein feuerspeiender Drache sein Land und auch dieser Gefahr stellt sich Beowulf. Er kann das Ungeheuer zwar töten, stirbt aber selber bei diesem, seinem letzten Abenteuer.
St. Marcel (von Paris)
Marcel war einer der ersten Bischöfe von Paris und zählt heute noch als einer der vier Schutzheiligen der französischen Hauptstadt. Zu seinen Lebzeiten litt sie unter der Bedrohung durch einen grausamen Drachen, der häufig für Überschwemmungen sorgte. Daraufhin ging Marcel zu dem Drachen, schlug ihm dreimal mit seinem Krummstab auf dem Kopf und umschlag seinen Hals mit seiner Stola. Der Drache war von da an lammfromm und gehorchte dem Befehl des heutigen Heiligen, die Stadt zu verlassen und niemals wiederzukehren.
St. Georg (von Kappadokien)
Der sicherlich bekannteste Drachentöter ist der heilige Georg, der bei vielen als der englische Nationalheilige bekannt ist. Seine Legende begann als schlichte Märtyrergeschichte, wurde aber im Rahmen der Kreuzzüge erheblich erweitert und umfaßt danach auch den Drachenkampf. Er rettet eine jungfräuliche Königstochter vor dem Drachen und empfiehlt den Menschen die Taufe zum Schutz vor dem Bösen, was im großen Umfang geschieht. Georg ist einer der vierzehn Nothelfer, seine Legende ist weit verbreitet und kommt im Vergleich zu anderen Ländern in England erst spät zur vollen Geltung, nachdem bei der Eroberung Jerusalems allem Anschein nach der heilige Georg den Kreuzrittern erschienen war.
Tristan
Auch in diesem Fall hat Richard Wagner mehr Schlechtes als Rechtes zu Tage gebracht, denn seine Oper “Tristan und Isolde” hat reichlich wenig mit ursprünglichen Versionen dieses Stoffs zu tun. Tristan erschlägt in Irland in einer Version nämlich einen Drachen und erhält als Belohnung die Tochter des Königs zur Braut. Doch bevor dies geschieht, mußte er erst den Beweis dafür antreten. Der ihn begleitende Haushofmeister nutzte den Umstand, daß Tristan schwer verletzt und für eine kurze Zeit außer Gefecht gesetzt wurde und behauptete, er hätte den Drachen erschlagen. Glücklicherweise hatte Tristan aber die Zunge des Drachen herausgetrennt und konnte damit seinen Sieg beweisen.
Erzengel Michael
“Und es entstand ein Kampf in dem Himmel: Michael und seine Engel kämpften mit dem Drachen. Und der Drache kämpfte und seine Engel; und sie siegten nicht ob, auch wurde ihre Stätte nicht mehr in dem Himmel gefunden. Und es wurde geworfen der große Drache, die alte Schlange, welcher Teufel und Satan genannt wird, der den ganzen Erdkreis verführt, geworfen wurde er auf die Erde, und seine Engel wurden mit ihm hinabgeworfen.” Offenbarung 12,7. Am Ende aller Zeiten kämpft der Erzengel mit dem “Drachen”, also dem Verführer selbst, Satan. Er verliert im Rahmen der Kreuzzüge die Position als christlicher Drachentöter an St. Georg.

Limpach, Gemeinde Deggenhausertal: Pfarrkirche St. Georg, Gemälde "Der Hl. Georg als Drachentöter"
Bildnachweis: Photographed by Andreas Praefcke, January 2006. Lizenz: Creative Commons Attribution ShareAlike 3.0.
Dieser Artikel erschien in leicht veränderter Forum als Teil einer größeren Reihe rund um Drachen und Lindwürmer zuerst in der NAUTILUS 34 (Januar 2007.) Abonniere jetzt die beste Zeitschrift zu Fantasy und Science Fiction mit Rezensionen, Features und Interviews rund um fantastische Filme, Serien, DVDs, Bücher, Hörspielen u.v.m. Das Abonnement läuft einfach und problemlos über Amazon.de (siehe Werbebanner unten.) Der Drache (Mus-hus-su oder Sirrusch) unter dem Titel ist der vermeintlich erste seiner Art und am Ishtartor im Pergamonmuseum Berlin zu sehen (Quelle: Nutzer Hahaha, Commons.Wikipedia. org. Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 2.5 Generic).
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